Rafal Skoczek
Text: Oskar Weiss

 

In A very brutal red carpet? erfragt Rafal Skoczek schon mittels des Titels seines schon länger geplanten und noch unrealisierten Vorhaben nach dessen Notwendigkeit oder Umsetzbarkeit. Eventuell auch schon nach der Akzeptanz der darüber schreitenden Betrachter*innen?

Mit dieser architektonischen Installation, umgesetzt im Hinterhof am Sihlquai 125, soll dieser zehn Meter lange und 50 cm schmale rote Betonlinie den unzähligen Geschichten und für auf ungewisse Zeit fortdauernden Initiativen dieses Ortes auf subtile Art ein Denkmal setzen. Ein roter Teppich auf dem man sich zehn Schritte lang in den Mittelpunkt stellen darf. Monolithisch, aber niederschwellig.

Vielen innerhalb des städtischen Kulturgefüges noch als Kunstschule präsent entwickelte sich der Ort nach und auch auf Grund des Wegzugs der ZHdK von dieser zentralen Lage ins «neue» Zürich, zu einem gesellschaftlich engagierten Off-Space und einem einzigartig diversen Treffpunkt innerhalb der Stadt.

Klar formuliert und versiert visualisiert überzeugte Rafal Skoczek’s Eingabe die Jury inhaltlich und formal. Was zeugt in unabsehbaren Zeiten noch von einem der letzen dieser Orte? A very brutal red carpet?


Roman Selim Khereddine
Text: Jasmine Gregory

 

Roman Selim Khereddines nicht realisiertes Projekt geht auf die Einladung zu einer Einzelausstellung in einem deutschen Kunstverein zurück. Sein Entwurf sah vor, mit lokalen Bürgervereinen zu kooperieren und deren Rituale – wie etwa Burschenschaftstreffen, sportliche Drills oder Hundetraining – in den Ausstellungsraum zu verlegen. Durch diese Dekontextualisierung zielte die Arbeit darauf ab, Strukturen von Disziplinierung, Ausgrenzung und kollektiver Identität offenzulegen, die in sozialen und institutionellen Formen eingebettet sind. Was als ortsspezifische Untersuchung des gesellschaftlichen Gefüges einer deutschen Stadt beginnt, wandelt sich infolge der Entscheidung des Künstlers, die Ausstellung abzusagen, zu einer Reflexion über die institutionellen Bedingungen, die künstlerische Produktion prägen.

Besonders überzeugt hat die Jury das Potenzial des Projekts, Fragen nach Zensur und dem Verhältnis zwischen Künstler:in und Institution aufzuwerfen. Durch die schlussendliche Absage der Schau rückt Khereddine die ethische Tragweite von Partizipation in den Vordergrund und widersetzt sich der Instrumentalisierung kritischer Praktiken innerhalb umstrittener institutioneller Rahmenbedingungen. Das Projekt fungiert somit nicht nur als nicht realisierte Ausstellung, sondern als präzise Intervention in die Dynamiken von Sichtbarkeit, Macht und Dissens. Es regt eine notwendige Neubetrachtung darüber an, wie Institutionen politischen Realitäten begegnen und welche Verantwortung sie dabei tragen.

 


Pilar Quinteros
Text: Chus Martínez

 

Searching the Middle von Pilar Quinteros ist ein Film und eine Installation, die den Rhein als eine Schwelle inszeniert, an der sich Geschichte, Mythos und Macht überschneiden. Archivmaterial über staatlich beaufsichtigte archäologische Grabungen und die Verfolgung vermeintlicher Hexen in der Stadt Basel verschmelzen zu einer performativen Aktion, die in der zentralen Geste des Projekts mündet: dem Übergeben monumentaler goldener Fibeln an den Fluss. Diese symbolische Befreiung von Museumsreliquien in den öffentlichen Raum des Flusses reagiert auf die heutige dringliche Notwendigkeit, den öffentlichen Raum als einen Ort der Teilhabe statt der Kontrolle neu zu denken.

Indem sie den Rhein als eine umkämpfte Übergangszone inszeniert – historisch geprägt von Überwachung, Bestrafung und reglementierten Ausgrabungen –, legt Pilar Quinteros offen, wie öffentliche Räume häufig durch Exklusion und Autorität strukturiert sind. Quinteros schlägt eine symbolische Umkehrung vor: Das Freilassen der Fibeln verwandelt den Fluss in eine gemeinschaftliche, unvorhersehbare Umgebung, in der Bedeutung nicht mehr festgeschrieben ist, sondern kollektiv reaktiviert wird. Die Relevanz der Arbeit liegt in der Auseinandersetzung damit, wie Institutionen Erinnerung reglementieren, wie Gewaltgeschichten im öffentlichen Raum fortbestehen und wie Fiktion als Methode dienen kann, um offizielle Narrative zu hinterfragen und unterdrückte Bedeutungen wiederzugewinnen.

 


Noah Krummenacher
Text: Mitchell Anderson

 

How many fog machines would it take to alter the weather forecast? hinterfragt Sichtbarkeit, herkömmliche Logik und das belastete Verhältnis der Menschheit zur Umwelt durch eine poetisch einfache Geste: eine Ausseninstallation, die nur dann künstlichen Nebel erzeugt, wenn bereits natürlicher Nebel vorhanden ist. Noah Krummenachers Entwurf inszeniert eine subtile Redundanz – eine an Vergeblichkeit grenzende Verstärkung, die technologische Intervention mit atmosphärischer Kontingenz kollidieren lässt.

Indem er das extraktive, machistische Erbe der Land Art unterwandert, lenkt er die Aufmerksamkeit weg von Beständigkeit und Kontrolle hin zur Vergänglichkeit. Paradoxerweise feiert die Arbeit die unvorhersehbaren Rhythmen der Natur und legt gleichzeitig den kollektiven und letztlich vergeblichen Wunsch offen, diese zu regulieren, vorherzusagen und zu terminieren. Die Jury war insbesondere von Krummenachers spekulativer Klarheit überzeugt – der immateriellen und doch lebhaft vorstellbaren Form des Projekts, die im nicht realisierten Gedanken ebenso überzeugend existiert, wie sie es in der Realität tun würde.

 


Kollektiv Haus Gawaling
Text: Tasnim Baghdadi

 

The Fifth Sister denkt Erinnerung und Autorschaft durch eine diasporische, intergenerationale Perspektive neu. Im Zentrum steht die kollektiv erdachte Figur einer abwesenden «fünften Schwester». Das Projekt schlägt eine vielschichtige Installation vor, die Dokumentarisches, spekulative Fabulation und ein lebendiges Archiv vereint, um Verlust, Vertreibung und nicht realisierte Lebenswege zu untersuchen – eine Thematik, die eng mit dem Fokus des Preises auf nicht ausgeschöpftes Potenzial verknüpft ist.

Basierend auf mündlichen Überlieferungen, verkörperter Erinnerung und generativen Medien etabliert das Projekt Abwesenheit als Methode – und verleiht so nicht gelebten Leben, nicht aufgezeichneten Geschichten und Zukünften, die nie eintraten, eine Form. Es rückt kognitive Differenz, Spekulation und relationales Wissen als aktive Modi der Wissensproduktion in den Vordergrund. Dabei wird Abwesenheit als ein generativer Ort positioniert, an dem Erinnerung und Imagination zusammenfliessen, sodass neue Epistemologien und Formen des kollektiven Erzählens entstehen können. Formal überzeugt der Entwurf durch eine starke Integration von Medium und Konzept, wobei generative Technologien die mündlichen Traditionen erweitern.

Die Jury würdigte das Projekt für seinen reflektierten Ansatz und die Sensibilität, mit der es komplexen Geschichten und geteilten Vorstellungswelten begegnet. Besonderes Gewicht wurde auf die kollektive Autorschaft und die Stärke der ko-kreativen Methodik gelegt, die sowohl das ethische Gerüst als auch die künstlerische Vision des Vorhabens untermauern.